Tennisboom dank Corona


 
Aus dem Newsnet/Tagesanzeiger vom 15. Dezember 2020

Seit Beginn der Pandemie bevölkern Tennisfans die öffentlichen Plätze. Viele Neueinsteiger würde man allerdings eher auf dem Sofa oder hinter dem Töggelikasten vermuten.

Hans Jürg Zinsli

Vitis Sportcenter, Schlieren, später Nachmittag. Alle zehn Tennisplätze sind belegt, man sieht Jung und Alt dem Filzball nachrennen. Ein gewöhnlicher Nachmittag, möchte man meinen. Aber Moment: Sah Tennis nicht mal anders aus? Irgendwie eleganter und athletischer? Irgendwie Federer-like?

Was man auf den Plätzen in Schlieren sieht, ist tatsächlich ungewohnt. Da ist zum Beispiel ein Plauschdoppel, bestehend aus vier angedickten Mittdreissigern, die genussvoll um die Wette ballern. Man reisst Sprüche, und wenn mal ein Schlag vier Meter hinter der Grundlinie landet, wird gelacht. Alles halb so schlimm.

Verbissenheit? Ach was

Oder dann die beiden Senioren, die ihre Schläger wie Pfannen vor dem Körper schwingen und scheibenwischermässig in Richtung Netz drängen, manchmal beide gleichzeitig. Kämpferische Verbissenheit? Ach was. An der Netzkante hält man einen kurzen Schwatz, dann gehts zurück an die Grundlinie, das Spiel beginnt von vorn.

«Die Sommersaison 2020 war die beste Tennissaison der letzten zwanzig Jahre.»

Oder dann die drei Damen um die fünfzig, die den Instruktionen ihres Tennislehrers lauschen und sich abwechselnd auf Englisch und Deutsch verständigen. «Attack the ball.» – «Yes, yes.» Als die Trainingseinheit beginnt, nähert man sich den Bällen jedoch eher defensiv. Zuschlagen ja, aber Verteidigung scheint wichtiger.

Tennis nach Lehrbuch ist das nicht, die technischen Mängel sind offensichtlich. Aber ganz gleich, ob man dem Plauschdoppel, den angriffigen Senioren oder den sicherheitsbewussten Damen zuschaut – alle haben sie ihren Spass. Tennis scheint zum Mitmachsport und zum attraktiven Corona-Gegenprogramm geworden zu sein. Und wie!

Beim Sportamt Zürich heisst es, die öffentlichen Plätze würden in diesem Jahr förmlich überrollt. «Die Sommersaison 2020 war die beste Saison der letzten zwanzig Jahre», sagt Peter Hediger. «Und das, obwohl wir die Plätze wegen des Lockdown erst vier Wochen später öffnen durften.»

Auch bei der Online-Reservations-Plattform GotCourts stellt man einen immensen Zulauf fest. So wurden in der Schweiz nach dem Reopening – im Vergleich zum Vorjahr – 60 Prozent mehr Platzbuchungen pro Spieler getätigt. Der Anteil aktiver Spieler erhöhte sich verglichen mit 2019 ebenfalls um 60 Prozent.

Der Vorteil beim Tennis ist, dass man das Spiel maskenlos ausüben kann, da im Unterschied zu vielen anderen Sportarten kein Körperkontakt stattfindet. Der Gegner ist weit weg, das traditionelle Shakehands entfällt, man kreuzt nur noch die Rackets. Alles okay, solange es nicht erneut zu einem Lockdown kommt. Aber selbst wenn dieser verhängt werden sollte, wäre Tennis wohl eine der ersten Sportarten, die danach wieder erlaubt ist.

Dass sich Tennis in den letzten Monaten zum Boomsport entwickelt hat, bestätigt Sascha Rudolph, Manager der Bozovic Tennis Academy: «Das Vitis-Center ist inzwischen täglich fast bis auf den letzten Platz ausgebucht. So war das früher nicht.» Zu Rudolphs Job gehört es, Plätze für seine Coaches zu buchen. Dabei hat er zu tun: «Noch vor zwei Jahren beschäftigten wir vier bis fünf Tennislehrer, inzwischen haben wir neun Coaches, die oft gleichzeitig im Einsatz sind.»

Nicht mehr automatisch in den Club

Im Unterschied zu früher wollen die Neueinsteiger nun nicht mehr einem Club beitreten, wo sie mitunter happige Eintrittsgebühren zahlen, und sie wollen auch nicht in ein Vereinsleben eingebunden werden, das sie nicht gesucht haben. Sie möchten sich schlicht bewegen können (sofern es freie Plätze gibt).

Diese Entwicklung bestätigt Tennislehrer Roman Zellweger, der an mehreren Orten im Kanton Zürich Kurse anbietet. «Die Schwelle, in einen Club einzutreten, ist nach wie vor hoch. Da unterschreibt man dann ein Image, das von den Clubs weiterhin hochgehalten wird. Neulinge möchten jedoch Tennis zu erschwinglichen Preisen spielen, ohne dabei Verpflichtungen einzugehen.»

GotCourts sei dafür ideal. Auf der Reservations-App könne man freie Plätze in der Umgebung auf einen Blick sehen und buchen. Inzwischen hätten Clubs sogar begonnen, Plätze für Nichtmitglieder auf GotCourts freizugeben.

Zellweger hat noch eine weitere Beobachtung gemacht: «Seit Corona ist die Tenniskundschaft grenzenlos durchmischt.» Wegen Homeoffice oder Kurzarbeit packten die Leute die Gelegenheit zum Tennisspielen beim Schopf. «Inzwischen sieht man tagsüber die unterschiedlichsten Spielertypen – vom IT-Spezialisten bis zum ausgemusterten Kulturschaffenden.»

Die imagebewusste Elite, die gut betuchte Tennisgesellschaft, die gebe es noch, klar. Aber die Newcomer drängen nach, die Couch-Potatoes greifen zum Schläger. «Da spielt dann der Arzt mit der properen Frisur auch mal direkt neben dem Kunstfreak, den man eher hinter dem Töggelikasten vermuten würde», so Zellweger.

Roger Federer: teuer, Belinda Bencic: gratis

Apropos mitfiebern – auch da gibt es Unterschiede: Als Federer im Herbst 2019 am Laver Cup in Genf antrat, blätterten die Fans drei- bis vierstellige Beträge hin – notabene für eine einzige Session mit zwei Matches. Ein Jahr später (der internationale Turnierplan wurde durch Corona ausgehebelt) trat Belinda Bencic für den TC Chiasso im Interclub an. Die Fans konnten gratis mit dabei sein.

Federer, Bencic, Wawrinka. Dass die Schweiz überhaupt solche Aushängeschilder hat, ist nach wie vor ein Faktor, der bewirkt, dass Fans den Schläger in die Hand nehmen. Auch wenn deren Technik dann eher rustikal anmutet. Aber beim abschliessenden Bier wirft man gemeinsam einen Blick auf den Fernsehschirm, auf dem immer Tennis läuft.

Wieder zurück im Vitis-Sportcenter. Die Senioren kreuzen ihre Rackets, die Tennisdamen sammeln die Bälle ein, das Herrendoppel packt zusammen. Nacheinander setzen die Spieler Masken auf und streben in Richtung Garderobe. Unterdessen betreten neue Plauschspieler die Halle. Wiederum sind alle Plätze belegt.

Wird der Tennisboom auch nach Corona anhalten? Die schiere Anzahl an Neueinsteigern lässt darauf hoffen. Merkwürdig nur, dass ausgerechnet das Vitis 2022 schliessen muss. Auf dem Grundstück entsteht eine Wohnüberbauung.